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Mädchen
Es sieht also und scheint doch blind?

Cusanus
Sehen ist nicht gleich sehen.

Mädchen
Und stirbt schließlich an Entkräftung.

Cusanus
Nein, es geht zugrunde,
weil es das Unvermeidliche
nicht zulassen kann:
das Eingeständnis
eigener Beschränktheit.

Mädchen
Es maßt sich also an ...

Cusanus
... Ein kleines Lebewesen.
Doch nicht anmaßender
als du und ich!

Mädchen
Wie soll ich das verstehen?

Cusanus
Meinen wir nicht, bald alles zu wissen:
letzte Geheimnisse entschlüsselt,
Zusammenhänge des Universums,
kleinste Teilchen der Materie,
Bausteine des Lebens?
Dabei sind die einfachsten Fragen
noch nicht beantwortet.
Kaum annähernd.

Mädchen
Aber wir wissen doch, was Licht ist.

Cusanus
Wissen wir das?

Mädchen
Und was können wir dann wissen?
Gibt es denn keine Sicherheit?

Cusanus
Genau genommen: Nein.
Absolutes Wissen ist unmöglich:
Denn nichts von dem, das wir kennen, kennen wir genug.
Immer wird unser Wissen noch erweiterbar sein,
doch nie können wir etwas so erfassen,
dass sich darüber hinaus nichts mehr dazu sagen lässt.
Der Horizont, den wir greifen wollen,
flieht vor uns zurück, je mehr wir uns auf ihn zu bewegen.
So bleibt alles Mutmaßung.

Mit dem Gedanken der Mutmaßung wechselt der Dialog von der "docta ignorantia" zur "coniectura". Das Eingeständnis eines Nicht- Wissens im Letzten und das dadurch möglich gewordene "Immer- besser- Wissen" gehen Hand in Hand. Dabei ist aber keine Relativierung des Wissens gemeint. Wenn man ein Ding oder ein Wesen besser versteht, bedeutet das nicht, daß das vorige Wissen falsch war. Die Erweiterung des Wissens integriert das alte Wissen in einen neuen Horizont.

Nur klug ist es da, sich das einzugestehen.

 

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