Cusanus (taucht rechts aus dem Dunkel als Traumbild auf, ganz in schwarz mit einem schwarzen Umhang und an Hutbändern den roten Kardinalshut wie auf dem Kueser Altarbild. Dazu abwechselnd wird auch die Figur aus dem Altarbild selbst an verschiedenen Stellen sichtbar.)
Nur im Licht kann die Jagd beginnen.
Ein kleines Wesen -
es strebt, weil es weiß, was es wissen will.
Mädchen (über Lautsprecher - das Gesprochene des Dialogs träumt sie)
In diesem winzigen Gehirn soll Verstand stecken?
Cusanus
Das ist nicht von Bedeutung.
Mädchen
Was ist von Bedeutung?
Cusanus
Die Kreatur ahnt, spürt, weiß Entscheidendes.
Mädchen
Was soll das sein?
Cusanus
Dass es eine Quelle des Lichtes gibt.
Der Ausdruck "Quelle des Lichtes" verweist erstens darauf, daß es eine Quelle des Lichtes im Sinne des äußeren Lichtes gibt, also streng genommen eine Quelle für die Farben, für das, was wir sehen, und zum zweiten, daß diese Quelle des Lichtes als das eigentliche, unsichtbare Licht, unmittelbar mit Gott verbunden ist; in diesem Sinne kann Cusanus z.B. mit dem Glaubensbekenntnis Christus als "Licht von Licht" bezeichnen.
Mädchen
Mutige Behauptung.
Cusanus
Sonst würde sie dem Licht nicht zufliegen
und mit dem Leben spielen.
Mädchen
Aber man kann doch nichts wissen
über die Quelle des Lichts,
wenn man sie nie erreichen kann.
Cusanus
Das stimmt.
Man kann nichts darüber sagen.
Außer, dass es sie gibt -
und darauf kommt es an.
Der Dialog betont hier, daß man von Gott wissen kann, daß er ist, aber nicht, was er ist. Das "was" Gottes kann immer nur konjektural, unter verschiedenen Aspekten und im Bilde erfahren werden. Das bietet gleichwohl, wie der weitere Dialog zeigen wird, eine positive Möglichkeit.
Mädchen
Und das Glas?
Ist die Unsichtbarkeit des Hindernisses dann nicht grausam?
(Das Licht wird kontinuierlich mehr. Das Fenster unmerklich immer größer.)
Cusanus
Ja.
Das Licht strömt ihm entgegen,
doch das Wichtigste hat es übersehen...
Mädchen
... Die Fensterscheibe!
Cusanus
Die Begrenzung seiner Möglichkeiten!
Hier ist die Begrenzung des menschlichen Geistes gemeint. Bei Cusanus der Zusammenfall der Gegensätze, der sich gegen den Satz des Wiederspruches von Aristoteles wendet (Etwas kann z.B. nicht beseelt und unbeseelt zugleich sein). Diese Begrenzung ist nach Cusanus nicht sinnlich, sondern lediglich durch eine metaphysische oder geistige Schau zu überwinden (Beryll als Sehhilfe). Dabei spielt eine große Rolle, daß die Schau dann erreicht wird, wenn die Durchsichtigkeit des Berylls (der Fensterscheibe) hergestellt ist. Gerade die Begrenzung des Geistes ist sein Möglichkeit der Gotterkenntnis. In idealer Weise kommt dieser Gedanke in dem Bild aus "Über Gotteskindshaft" (c.3) zum Ausdruck, indem Christus als der perfekte, universale Spiegel bezeichnet wird, der alles spiegelt, aber selbst dadurch unsichtbar ist.