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Prolog - Der Traum des Mädchens

(Text: Peter Larsen)

(Völlige Dunkelheit, Pultbeleuchtung Orchester aus. Schwarzer Decker am Portal fährt hoch. Absolut dunkle Bühne.)

Stimme (des Cusanus als Toneinspielung)
(geflüstert)
Weiß,
weiß,
alles weiß.
Weisheit war weiß,
weiß,
und das Wissen um sie
noch nicht verborgen

Die Ausgangssituation spielt auf die Beschreibung eines paradiesischen Urzustands in Form eines Rückblicks an, vlg. Gen 1,3-4.

Weiß war das Licht

Daß das Licht weiß sei, ist ein metaphorischer Ausdruck. Das Licht selbst hat für Cusanus keine Farbe, es ist unsichtbar und stellt den Möglichkeitsgrund von Farbe dar. Die Cusanische Farbenlehre ist in diesem Punkte systematisch Goethe näher als Newton. Vgl. als eine kurze, aber wichtige Schrift zum Thema "Vom Gottsuchen". Zu Goethe vergleiche z.B.:Phaenomen, in: West-östlicher Divan (1819); Moganni Nameh - Buch des Sängers.

war die Weisheit

Die Weisheit wird bei Cusanus (wie in der Tradition) häufig mit dem Logos, der zweiten Person der göttlichen Trinität, gleichgesetzt. Grundlage dafür sind die Auslegungen der Weisheitsbücher des Alten Testamentes. Bei Cusanus gibt es eine reflektierte Weisheitsphilosophie und -theologie (Predigten). Um nur zwei prominente Beispiele zu nennen: Am Anfang von "Über den Frieden im Glauben" wird die Idee eines gemeinsamen Gottes aller Religionen über den Gedanken eingeführt, es könne nur eine einzige umfassende Weisheit geben. Die Idiota-Dialoge, welche das Verhältnis des Menschen zu Gott (Über die Weisheit), zu sich selbst (Über den Geist) und zur Welt (Über Versuche mit der Waage) ebenso thematisieren wie sie den Gedanken eines Gleichgewichts zwischen Mystik und Naturwissenschaft beschreiben, haben als programmatischen Leitfaden das biblische Wort von der Weisheit, die auf den Straßen ruft und deren Ruf es ist, daß sie in den höchsten Höhen wohnt.

und alles lag darin,
alle Wirklichkeit,
alle Möglichkeit,
innen verbunden.
Es gab nur das Licht,
weißes Licht,
das die Farben in sich verhüllte,
doch keine von ihnen sehen ließ

Das "weiße", also eigentlich unsichtbare Sonnenlicht enthält alle Farben. Die Farben sind "im weißen Licht eingefaltet", in der "Ausfaltung" in der Welt werden sie, aber nicht das Licht selbst, für den Menschen wahrnehmbar. Diese Einschränkung der menschlichen Wahrnehmung wird hier als Metapher für die Trennung von göttlicher Weisheit von den irdischen Erscheinungen bzw. Gott selbst und seiner Schöpfung verwendet.

Eingefaltet waren sie im Weiß,
im Innern des Lichts.
Eingefaltet.
Ein zugeschlagenes Buch

Die Metapher vom zugeschlagenen Buch spielt einerseits auf die Vorstellung der Natur als eines Buches an, welches Gott mit seinem Finger geschrieben hat - also als eigene Quelle der Offenbarung - andererseits verweist sie darauf, daß man sein Wissen eben nicht aus Büchern, sondern in der unmittelbaren Anschauung erwerben soll. Der gesamte Traum steht für die Cusanische Vorstellung von der Welt als einer Ausfaltung des Wesen Gottes. Alles ist demnach in Gott, in dem Einen, eingefaltet; durch die Schöpfung erst kommt es zu einem Ausfluß, der Ausfaltung Gottes. Alles Geschaffene gleicht demnach Gott.

(Licht auf ein Bett mit dem schlafenden Mädchen. Sie hat einen unruhigen Schlaf und spricht im Traum.)

Mädchen
Hinaus!
Hinaus!
Farben!
Ich will sehen

Die Verbindung von "hinaus" und "sehen" liegt der Deutung zugrunde, welche Cusanus dem griechischen Wort "Theos" (Gott) gibt. Wie Johannes Scottus Eriugena leitet er es sowohl von "Laufen" wie von "Sehen" ab. Dadurch wird die passive Gottesschau zu einer aktiv vom Menschen zu erringenden und zu gestaltenden "visio".

Akademiker (erscheint hinter ihrem Bett mit einer kristallenen Ludus-Globi-Kugel)
Du willst Farben sehen?

Der Akademiker, der Wissenschaftler, tritt hier als Verführer auf, vgl. Gen 3,1-3.

Wissen, was in dem Weißen ist?
(übergibt ihr eine Kugel)
Schau in den Kristall,
in das Prisma!
Blicke tief hinein,
in einen Ozean des Sehens.

(Projektion: Ein winziger Lichtpunkt auf der Projektionsfläche, ganz allmählich größer werdend. Bald erkennt man ein von hellem Licht durchschienenes quadratisches Fenster mit vier wiederum quadratischen Fenstersegmenten und deutlichem Fensterkreuz in der Mitte. Es sieht aus wie ein dunkles Kreuz vor einem mystisch-leuchtenden Hintergrund. Das Fenster wird unmerklich größer und heller, scheint dem Betrachter entgegen zu kommen. Aus der Kristallkugel schießen Strahlen in den Farben in der Reihenfolge des Regenbogens.)

Mädchen (begeistert)
Aquamarin, türkis, smaragd;
strahlendes Gelb
schlägt aus dem Beryll.
Rubin wird zu Feuer:
flammendes Rot,
ein Feuerschwert

Vgl. Gen 3,24.

(ängstlich)
Es schneidet ...
brennende Klinge ... (Panik),
es schneidet,
schneidet das Licht ab!
Licht...
das weiße Licht...

Der Akademiker gibt dem Mädchen den Kristall. Dieser steht für den Beryll bei Cusanus, welcher als ein sehr wertvoller Edelstein galt. Mit der Bezeichnung "Beryll" wurden zur Zeit des Cusanus auch Bergkristalle belegt; daher stammt auch der Name "Brille"; sie wurde aus geschliffenem Kristall gefertigt. Der Beryll wird in diesem Sinne als Erkenntnismittel verstanden: Es gilt die geistige Anschauung durchsichtig zu machen und zu schleifen. Auch die übrigen genannten Edelsteine spielen im Mittelalter und zum Teil bei Cusanus eine wichtige Rolle, vgl. Harald Schwaetzer und Maximilian Glas: Beryll, Diamant, Karfunkel. Edelsteine im Werk des Nicolaus Cusanus. In: Litterae Cusanae 4,2 (2004), 79-90. Außerdem werden die Edelsteinfarben durch ihre Anordnung im Regenbogen an die Lichtmetaphysik angeschlossen.

(Die Kristallkugel leuchtet dunkel-geheimnisvoll in allen Farben. Pause)

Schwarz vor Augen ...
getaucht in dunkle Materie.

"Dunkle Materie" spielt auf die Vorstellung einer Masse an, die keine optische oder andere elektromagnetische Strahlung aussendet und deshalb nicht direkt beobachtbar ist. Ihre Existenz wird durch die Beobachtung der Galaxienrotation, der Bewegung der Kugelsternhaufen und der Dynamik der Galaxienhaufen nahegelegt, die unter Zugrundelegung der anerkannten Gravitationsgesetze durch die sichtbare Materie allein nicht erklärbar ist. Die Metapher steht hier für die Beschränktheit menschlicher Erkenntnis und Erdverhaftung allen Lebens.

Der Kristall versperrt mir die Sicht,
mein Blick wird trübe.
Wo ist das Klare, das Weiße,
das alle Farben in sich verhüllte?
Wohin die Weisheit?
Ich weiß nicht.

Das Mädchen artikuliert in wenigen Worten eine Art Sündenfall als Verlust der Urweisheit als Trübung des Berylls. Der neue Ausgangspunkt wird damit das Nichtwissen, zunächst tatsächlich in negativer Bedeutung. Im weiteren geht es darum, wie sich diese "ignorantia" positiv entfalten läßt.

 

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