(Text: Inigo Bocken)
(Kneipe wie in Szene II. Der Wirt schaut Fernsehen, er wechselt ständig die Sender - die Zuschauer können alles auf der Projektionsfläche verfolgen. Auch die Studenten, der buddhistische Mönch, der Kleriker, der Wissenschaftler, ein Politiker/ Herzog Sigismund und die Äbtissin Verena schauen zu. Abwechselnd und begleitet von Musik kommt ein Dokumentarfilm über ein religiöses Hindu-Fest in Indien, ein Kriegsfilm, Nachrichten – z.B. ein Selbstmordattentat, kurz Bilder aus Afrika und Hongkong, vielleicht noch Fragmente eines Fussballspiels oder der Tour de France, Dokumentarfilm über Einstein, man sieht ganz klar E = mc²)
(Ein Dokumentarfilm über die Hagia Sophia in Istanbul/Konstantinopel ist zu sehen. Das Bild der Kuppel bleibt jetzt ständig und bewegungslos auf dem Hintergrund.
Alle Anwesenden in der Kneipe setzen sich zusammen und fangen an zu plaudern.)
Löffelschnitzer
Una religio in rituum varietate.
Anmerkung
"Eine Religion in der Vielheit der Riten" ist die Hauptthese der Schrift "Vom Frieden im Glauben".
Akademiker
Sehr schön, doch was ist die Wahrheit?
Studentin und
Der Rhein scheint lange beständig zu fließen,
jedoch niemals im selben Zustand.
Einmal unruhig, einmal klar,
einmal ist er unruhig, einmal klar,
einmal führt er viel Wasser, einmal wenig.
Anmerkung
Der Text ist ein Zitat aus: "Über Mutmaßungen" (II c. 15, n. 149)
Chor
Ebenso fließt auch die Religion
unbeständig zwischen Geistigkeit und Zeitlichkeit.
Die Politik schwankt beständig
zwischen größerem und geringerem Gehorsam.
Mmmm.
Akademiker
Bewegung ist Ruhe.
Wirt
Ruhe ist Bewegung.
Mönch
Je klarer die Wahrheit,
desto einfacher ist sie.
Einmal habe ich geglaubt,
dass sie im Dunkel besser zu finden sei.
Die Wahrheit ist von größter Mächtigkeit,
sie ruft ja auf den Gassen!
Anmerkung
Die Zeilen sind ein Zitat aus "Über den Gipfel der Schau" (n. 5). An der Stelle verweist Cusanus auch auf "Über die Weisheit", wo das Binnenzitat eine entscheidende Rolle spielt.
Kleriker und Chor
Primo est homo!
(Sie plaudern miteinander und erheben das Glas):
(Alle verlassen die Bühne in die verschiedene Richtungen, plaudern miteinander, man hört Gemurmel. Nur der Wirt bleibt hinter seiner Theke und zählt Geld, auf der Theke ganz deutlich die Waage, zwei Gestalten, deren Profil man vor der Projektion der Hagia Sophia sieht. Der Wirt sucht im Fernsehen noch andere Programme und sieht eine Autobombe in Tel Aviv, einen amerikanischen Präsidenten, der seinen Krieg verteidigt, vielleicht Bilder der Konzentrationslager aus dem Zweiten Weltkrieg und zerbombte Städte. Das Mädchen und der Julianus tanzen auf eine melancholische Melodie.)
August Herbst &
Institut für Cusanus-Forschung, Trier