C u s a n u s - Oper

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Anmerkung

Szene IV – Das Sehen des Sehens

(Text: Inigo Bocken)

(Der Raum ist dunkel, nur ein Lichtstrahl von oben, ein leeres Zentrum; man hört wortlosen Gesang – ein buddhistischer Mönch betritt den Raum. Er schiebt eine Staffelei mit einem Gemälde, das die Zuschauer noch nicht sehen können. Sein Summen löst sich aus dem wortlosen Gesang und allmählich bilden sich Klänge. Er läuft in einem Halbkreis hin und her, um das Porträt herum, immer noch an der Seite, die die Zuschauer nicht sehen können. Aus den Klängen bilden sich Worte.)

Chor (alle)
Inter humana opera
non reperi imaginem
omnia videntis proposito
nostro convenientiorem,
ita quod facies
subtili arte pictoria
ita se habeat
quasi cuncta circumspiciat.

Anmerkung

"Vom Sehen Gottes" (n.2): "Unter den menschlichen Werken habe ich aber kein Bild gefunden, das unserem Vorhaben angemessener ist als das Bild eines Alles-Sehenden, dessen Angesicht durch feinste Malkunst den Eindruck erweckt, als ob es gleichsam alles ringsum betrachtete." Bilder von Alles-Sehenden waren in dieser Zeit sehr verbreitet.

(Der Mönch geht langsam hin und her, macht einen kleinen Sprung, damit die Zuschauer kurz sein Gesicht sehen können; dann wieder läuft er schnell von der einen zur anderen Seite. Ganz abseits: ein gedämpftes Licht, man sieht den erschöpften (oder betrunkenen?) Maler auf dem Boden sitzen, der erstaunt den Mönch anschaut. Mühsam steht er auf und geht in einer Kreisbewegung um das Gemälde herum. Es bildet sich ein Kreis um den Mönch und die Staffelei, ein Kreis von Licht - Lichtpunkte mit Scheinwerfern.)

Si leo faciem tibi attribueret,
non nisi leoninam iudicaret,
et bos bovinam et aquila aquilinam.
O Domine, quam admirabilis est facies tua,
quam si iuvenis concipere vellet,
iuvenilem fingeret,
et vir virilem et senex senilem.

Anmerkung

"Vom Sehen Gottes" (n.19): "Es hielte ein Löwe, wenn er Dir ein Angesicht zuspräche, es für nicht anders als löwenartig; ein Rind hielte es für rindartig und ein Adler für adlerartig. O Herr, wie wunderbar ist Dein Angesicht, das sich ein Jugendlicher, wollte er sich davon einen Begriff machen, als jugendlich, ein Mann als das eines Mannes und ein Greis als das eines Greises vorstellen würde." Cusanus greift hier einen alten Gedanken der griechischen Philosophie auf: Jede Gottesvorstellung ist anthropomorph, sie entspricht nicht Gott, sondern ist durch die menschliche Vorstellungskraft bestimmt. Für Cusanus kommt aber darin gerade eine Wahrheit zum Ausdruck: Gott erscheint nicht nur dem einen so und dem anderen so, sondern er ist zugleich so.

(Ein Kameramann betritt die Szene und läuft mit dem Mönch mit, während er ihn filmt. Im Hintergrund die Projektion des Gefilmten. Der Kameramann verfolgt auch den Maler. Noch immer sehen die Zuschauer nicht, was auf dem Gemälde ist. Auch der Kameramann denkt nicht daran, dies zu filmen.)

Kameramann
In omnibus faciebus
videtur facies facierum
velate et in aenigmate.

Anmerkung

"Vom Sehen Gottes" (n.21): "In allen Angesichten wird das Angesicht der Angesichte verhüllt und als Sinnbild geschaut."

Mönch
If the beings are to be saved
by his assuming the form
of a provincial chief,
or a maiden or a Deva-form,
Kwannon Bosatsu will manifest himself
as a provincial chief or maiden or a Deva-form

Anmerkung

"Wenn die seienden Wesen dadurch zu retten sind, daß er die Gestalt eines Kreisdirektors, einer Maid oder einer Deva-Form annimmt, dann wird Kwannon Bosatsu sich als Kreisdirektor oder Maid oder Deva-Form offenbaren.".

(Es gibt auch eine Kamera von oben, das Gemälde im Fokus, umgeben von Lichtkreisen. Auf der Projektionswand sieht man, dass junge Leute die Bühne betreten. Man sieht auch die Äbtissin Verena Hand in Hand mit dem Herzog von Tirol sowie Julianus und das Mädchen. Sie gehen im Halbkreis hin und her, gemeinsam mit dem buddhistischen Mönch. Dann wieder Bilder ‚von unten’, die vom Kameramann aufgenommen werden. Er zeigt auch die neuen Gesichter.)

Chor mit Chorsoli
Sie schaut mich an.
Er schaut mich an.

Anmerkung

Die Worte spielen auf die Erfahrung an, welche Cusanus die Mönche in der Schrift "Vom Sehen Gottes" machen läßt. Das Bild eines Alles-Sehenden blickt jeden einzelnen als einzelnen an.

Mönch
Mmmmmm...

(Der Kameramann ist verwirrt und zeigt nur noch sehr kurze Shots.)

Wir sehen und wir werden gesehen.

Anmerkung

Die Erfahrung in "Vom Sehen Gottes" ist diejenige, daß jeder, wenn er sieht, sieht, daß er immer schon gesehen wird
Haec enim caligo, nebula,
tenebra seu ignorantia,
in quam faciem tuam
quaerens subintrat.

Anmerkung

"Vom Sehen Gottes" (n.21): "Das Dunkel, der Nebel, die Finsternis oder die Unwisenheit, in jeder gerät, der Dein Antlitz sucht [...]" Das Antlitz an sich wird nicht gefunden, sondern immer nur dasjenige, wie es erscheint, und in diesem und als dieses erfährt man Gottes Antlitz.

(Alles beruhigt sich. Einigen halten inne oder bewegen sich sehr langsam, so wie der Kameramann. Der Mönch summt. Der Kameramann nähert sich ihm und geht auf das Gemälde zu. Das Projektionsbild wirkt unklar – man sieht die Konturen eines Gesichtes, oder ist es die Sonne?)

Chor mit Chorsoli
Quanto igitur scit caliginem maiorem,
tanto verius attingit in caligine invisibilem lucem.

Anmerkung

"Vom Sehen Gottes" (n.21): "Als je größer einer also das Dunkel erkennt, um so wahrer erreicht er im Dunkel das unsichtbare Licht."

(Die Projektion zeigt jetzt einen Fernseher, darauf den Kameramann - also sieht man ihn von der Perspektive des Gemäldes. Gemeinsam mach sich alle auf den Weg. Sie sprechen fröhlich miteinander. Der Mönch geht in eine andere Richtung.
Wenn die Bühne leer ist black bis auf den Lichtstrahl von oben. Die Staffelei mit dem Bild verschwindet. In dem Lichtstrahl von oben liegt die Kristallkugel am Boden.)

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© 2007  August Herbst &  Institut für Cusanus-Forschung, Trier