(Text: Inigo Bocken)
(Der Raum ist dunkel, nur ein Lichtstrahl von oben, ein leeres Zentrum; man hört wortlosen Gesang – ein buddhistischer Mönch betritt den Raum. Er schiebt eine Staffelei mit einem Gemälde, das die Zuschauer noch nicht sehen können. Sein Summen löst sich aus dem wortlosen Gesang und allmählich bilden sich Klänge. Er läuft in einem Halbkreis hin und her, um das Porträt herum, immer noch an der Seite, die die Zuschauer nicht sehen können. Aus den Klängen bilden sich Worte.)
(Der Mönch geht langsam hin und her, macht einen kleinen Sprung, damit die Zuschauer kurz sein Gesicht sehen können; dann wieder läuft er schnell von der einen zur anderen Seite. Ganz abseits: ein gedämpftes Licht, man sieht den erschöpften (oder betrunkenen?) Maler auf dem Boden sitzen, der erstaunt den Mönch anschaut. Mühsam steht er auf und geht in einer Kreisbewegung um das Gemälde herum. Es bildet sich ein Kreis um den Mönch und die Staffelei, ein Kreis von Licht - Lichtpunkte mit Scheinwerfern.)
(Ein Kameramann betritt die Szene und läuft mit dem Mönch mit, während er ihn filmt. Im Hintergrund die Projektion des Gefilmten. Der Kameramann verfolgt auch den Maler. Noch immer sehen die Zuschauer nicht, was auf dem Gemälde ist. Auch der Kameramann denkt nicht daran, dies zu filmen.)
(Es gibt auch eine Kamera von oben, das Gemälde im Fokus, umgeben von Lichtkreisen. Auf der Projektionswand sieht man, dass junge Leute die Bühne betreten. Man sieht auch die Äbtissin Verena Hand in Hand mit dem Herzog von Tirol sowie Julianus und das Mädchen. Sie gehen im Halbkreis hin und her, gemeinsam mit dem buddhistischen Mönch. Dann wieder Bilder ‚von unten’, die vom Kameramann aufgenommen werden. Er zeigt auch die neuen Gesichter.)
Mönch
Mmmmmm...
(Der Kameramann ist verwirrt und zeigt nur noch sehr kurze Shots.)
Wir sehen und wir werden gesehen.
Anmerkung
Die Erfahrung in "Vom Sehen Gottes" ist diejenige, daß jeder, wenn er sieht, sieht, daß er immer schon gesehen wird
Haec enim caligo, nebula,
tenebra seu ignorantia,
in quam faciem tuam
quaerens subintrat.
Anmerkung
"Vom Sehen Gottes" (n.21): "Das Dunkel, der Nebel, die Finsternis oder die Unwisenheit, in jeder gerät, der Dein Antlitz sucht [...]" Das Antlitz an sich wird nicht gefunden, sondern immer nur dasjenige, wie es erscheint, und in diesem und als dieses erfährt man Gottes Antlitz.
(Alles beruhigt sich. Einigen halten inne oder bewegen sich sehr langsam, so wie der Kameramann. Der Mönch summt. Der Kameramann nähert sich ihm und geht auf das Gemälde zu. Das Projektionsbild wirkt unklar – man sieht die Konturen eines Gesichtes, oder ist es die Sonne?)
(Die Projektion zeigt jetzt einen Fernseher, darauf den Kameramann - also sieht man ihn von der Perspektive des Gemäldes. Gemeinsam mach sich alle auf den Weg. Sie sprechen fröhlich miteinander. Der Mönch geht in eine andere Richtung.
Wenn die Bühne leer ist black bis auf den Lichtstrahl von oben. Die Staffelei mit dem Bild verschwindet. In dem Lichtstrahl von oben liegt die Kristallkugel am Boden.)
August Herbst &
Institut für Cusanus-Forschung, Trier