(Text: Inigo Bocken)
(Der Akademiker setzt sich und schweigt. Die Studenten und alle anderen sind eingeschlafen, nur nicht der Wirt und der Löffelschnitzer, der sich während des Vortrages des Akademikers mit seiner Arbeit beschäftigt hat. Auch der Maler versucht noch immer, sich selbst zu malen.)
Studenten (schlafen)
Mmm, mmm, mmm, mmm, mmm.
Studenten (allmählich wach werdend, Durcheinander, Neugier, Verwirrung, der Löffelschnitzer legt sein Werkzeug beiseite.)
Mmm? Aah? Ah!
Mein Spiel?
Aha, ein Spiel? Ein Spiel!
Billiard? Jeu de boules? Scrable? Domino?
Was ist daran so interessant?
Wirt (Der Wirt hat ein Buch, aus dem er die Regeln vorliest. Es ist das Traktat „De ludo globi“ von Cusanus. Er reicht es an Julianus und dieser an das Mädchen weiter; sie lesen es wie eine Gebrauchsanweisung.)
Cogitavi invenire ludum sapientiae.
Consideravi quomodo illum fieri oportet.
Deinde terminavi ipsum sic faciendum ut vides.
Cogitatio consideratio et determinatio virtutes
sunt animae nostrae.
Nulla bestia talem habet cogitationem
inveniendi ludum novum.
Hae virtutes sunt vivae rationis
quae anima dicitur.
Et sunt vivae
qui asine motu vivae
rationis non possunt esse.
Anmerkung
"Über das Globusspiel" (I n.31): "Ich gedachte ein Weisheitsspiel zu erfinden. Ich überlegte, wie dies zu geschehen habe; danach beschloß ich, es so zu machen, wie du siehst. Nachdenken, Überlegen und Beschließen sind Kräfte unserer Seele. Kein Tier kommt auf einen solchen Gedanken, ein neues Spiel zu erfinden, darum überlegt oder beschließt es auch gar nicht darüber. Diese Kräfte gehören zum lebendigen Verstand, der Seele genannt wird, und sind lebendig, weil sie ohne die Bewegung des lebendigen Verstandes gar nicht sein können."
Löffelschnitzer
Eine seltsame Kugel hast du in der Hand!
Wirt (zeigt, wie das Spiel gespielt wird und wirft die Kugel.)
Sed cur globus arte tornatili
cepit illam mediae sphaerae figuram
aliquantulum concavam non vos ignorare puto.
Non enim faceret motum quem videtis
elicum seu spiralem aut curvae involutum
nis talem teneret figuram.
Ac quod globus infinitis modis
secundum variam habitudinem
dictarum superficierum potest variari
et sempre ad alium et alium motum adaptari.
Anmerkung
"Über das Globusspiel" (I n.4): "Warum aber der Globus durch die Kunst des Drechslers jene ungefähr konkave Halbkugelgestalt bekam, das ist euch nicht unbekannt, wie ich meine. Er würde nämlich nicht die Bewegung machen, die ihr sehr, schneckenförmig oder spiralig oder in einer Kurve eingerollt, wenn er nicht eine solche Gestalt hätte. [...] Auch daß der Globus auf unendlich viele Weisen je nach dem verschiedenen Verhältnis der genannten Oberflächen verändert werden kann und immer wieder einer je anderen Bewegung angepasst werden kann."
(Während dieser Erklärung laufen die Zuschauer in Kreisen um das Spielfeld herum.
Man fängt unter höchster Konzentration an zu spielen. Der Akademiker hat die Bücher von Cusanus gelesen und glaubt deshalb, die meisten Chancen zu haben, das Spiel gewinnen zu können.)
Akademiker
Ah! Sehr einfach!
Studenten
Mmm?
Akademiker
Sehr einfach!
Certe ista facilitas
est maxima et stupenda.
Anmerkung
"Über die Weisheit" (II n.30): "Gewiß ist diese Leichtigkeit sehr groß und erstaunlich."
Wenn man, wie ich, die Bücher gelesen.
(Sehr konzentriert bereitet er sich vor, überlegt seine Strategie,
wirft und verfehlt sein Ziel völlig, weil er zu konzentriert war.)
Alle
Ha?
Oh...Zero!
(Alle versuchen, doch niemand trifft die Mitte.)
Siebenundzwanzig.
Oh …dertien,
elf!
Oh!
Julianus (der junge Mann meint plötzlich verstanden zu haben,
wie das Spiel funktioniert, auch wenn er schon an der Reihe gewesen ist
und seine Chance nicht gut genutzt hat. Er erreicht nur aber auch nur 25 Punkte.)
Quisque est propius globus
et aliter quam alia incurvus.
Igitur non potest unus alium sequi.
Nullus alterius semitam praecise sequi potest.
Sed necesse est,
ut quisque dominetur inclinationibus
globi sui et passionibus se ipsum esercitando.
Demum taliter moderatus studeat viam invenire,
in qua curvitas globi non impediat,
quominus ad circulum vitae perveniat.
Haec est vis mystica ludi
virtuoso exercitio
posse etiam curvum globum regulari,
ut post instabiles flexiones
motus in regno vitae quiescat.
Anmerkung
"Über das Globusspiel" (I n.54): "Jede Kugel hat ihre Eigenheit und ist anders gekrümmt als die andere. Demnach kann die eine nicht der ändern folgen. [...] Niemand kann dem Pfad eines andern genau folgen. Es ist jedoch notwendig, daß jeder die Neigungen seiner Kugel und ihre Leidenschaften beherrscht, indem er sich selbst übt. Solcherart endlich gemäßigt, mag er dann versuchen, seinen Weg zu finden, auf dem die Krümmungsverhältnisse der Kugel nicht zum Hindernis werden, näher zum Kreis des Lebens zu gelangen. Das ist die geheimnisvolle Kraft des Spieles, daß durch allseitige Übung auch die gekrümmte Kugel geregelt werden kann, so daß sie nach unsicheren Bewegungsschwankungen im Reich des Lebens zur Ruhe kommt."
Mädchen (hat Julianus zugehört, blickt ihn an und schaut sich um, während sie spricht. Es herrscht schon nicht mehr soviel Aufmerksamkeit, weil es niemandem möglich erscheint, das Ziel, den Mittelpunkt zu erreichen. Auch das Mädchen scheint seinen Versuch eher beiläufig zu unternehmen.
Kurz bevor das Mädchen den Globus wirft, fliegt auf der Projektionswand ein Schmetterling in slowmotion diagonal über die Projektionsfläche. Das Mädchen blickt dem Schmetterling nach und - davon abgelenkt - wirft den Globus gedankenlos ins Spiel.)
Fortuna potest dici id,
quod praeter intentionem evenit.
Et cum quisque ludens petat centrum circoli
non est fortuna si tetigerit.
Neque est in potestate nostra
quod voluntas nostra perficiatur.
Dum enim globus currit attenti sumus ut videamus,
si ad centrum accedit.
Et vellemus iuvare ipsum it tandem ibi quiesceret.
Sed quia non posuimus eum in via
nec impetum adhibuimus ad hoc necessarium,
ideo cum intenzione superveniente
cursum quem impressiumus, moderari nequimus.
Anmerkung
"Über das Globusspiel" (I n.55): "Zufall kann das genannt werden, was entgegen der Absicht zutrifft. Und da jeder Spieler den Mittelpunkt des Kreises erstrebt, ist es nicht Zufall, wenn er ihn erreicht hat. Auch liegt es nicht in unserer Macht, daß unser Wille erfüllt wird. Während die Kugel läuft, sind wir gespannt zu sehen, ob sie an den Mittelpunkt herankommt. Und wir möchten ihr helfen, wenn wir könnten, damit sie endlich dort zur Ruhe käme. Weil wir sie jedoch nicht auf den Weg gebracht noch ihr den dazu nötigen Anstoß verliehen haben, können wir auch nicht mit der hinzukommenden Absicht ihren Lauf mäßigen; ebenso wie einer, der vom Berg hinunterzulaufen begonnen hat, im vollen Lauf, auch wenn er wollte, nicht einhalten kann."
(Das Mädchen trifft das Ziel.
Projektion zeigt große Schwärme von Schmetterlingen, die aufwärts fliegen.)
Alle
Ha! Dreiunddreißig!
Anmerkung
33 Punkte muß man als Ziel erreichen. Die Zahl bezieht sich auf das Lebensalter Christi.
Freudentanz. Das Mädchen und Julianus schauen sich in die Augen.)
Homo igitur immediate suo proprio regi,
qui in ipso regnat.
Homo est rerum mensura.
Homo est secundum Deum.
Anmerkung
"Über das Globusspiel" (I n.43): "Der Mensch ist ein dem Gesamtreich ähnliches Königreich, das in einem Teil des Gesamt begründet ist." Ferner: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge"; der sogenannte Satz des Protagoras, den Cusanus zustimmend z.B. in "Über den Beryll" zitiert. Dort findet sich auch die Wendung: "Der Mensch ist ein zweiter Gott".
(Kreisförmiger Tanz, der Mittelpunkt ist überall und nirgendwo. Das Mädchen tritt, aus der Harmonie des unendlich drehenden Kreises und nimmt Julianus an ihre Hand. Die beiden stehen auf einem Tisch und sehen auf die tanzende Menge hinab.
Freaze.
Im Schlussakkord stoppen alle Bewegungen. Die auffliegenden Schmetterlinge bleiben ebenfalls abrupt stehen. Der freibleibende Himmel verfärbt sich gold, wie der Himmel auf dem Kueser Altarbild.)
August Herbst &
Institut für Cusanus-Forschung, Trier